Piercing vorgestern, gestern und heute

04.09.2014 |  Von  |  Allgemein
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Piercing vorgestern, gestern und heute
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Sich piercen zu lassen ist heute so selbstverständlich geworden, dass diese Variante der Körperkunst nur noch auffällt, wenn der eingesetzte Schmuck eine besondere Grösse oder Gestaltung aufweist. Doch selbst an Tunnel und Plugs haben sich die Augen moderner Menschen schon derart gewöhnt, dass diese Ohrringe kaum noch als aussergewöhnlich wahrgenommen werden. Woher aber rührt der Brauch, Ohrläppchen oder andere Körperteile zu durchstechen, um Schmuck daran zu befestigen?

Die Antwort auf diese Frage geben über 7000 Jahre alte Fundstücke, die eindrucksvoll belegen, welche Bedeutung ein unscheinbares Loch haben kann: Bei verschiedenen Volksgruppen Asiens, Australiens und Afrikas war es schon vor langer Zeit üblich, die Stammeszugehörigkeit oder das Erreichen bestimmter Lebensphasen durch ein Piercing zu kennzeichnen. Die dafür ausgewählte Körperstelle und das darin befestigte Schmuckstück fungierten als eine Art Ausweis, anhand dessen sich einzelne Personen, Angehörige und Fremde oft schon von Weitem unterscheiden liessen.



Zum Piercen wurden nahezu alle Stellen des Körpers genutzt; bevorzugt jedoch die Weichteile im Gesicht. Neben Wangen, Kinn, Lippen oder Nase boten vor allem die Ohrläppchen und die knorpeligen Ohrmuscheln willkommene Präsentationsflächen. Der aus Holz, Horn, Muscheln, Perlmutt usw. bestehende Schmuck war allerdings nicht so filigran wie heutige Nasen- oder Ohrringe, sondern in Einzelfällen bis zu handtellergross.

Dieser Umstand machte es erforderlich, das durch Piercen entstandene Loch zu weiten. Dazu wurde ein konisch geformter Dehnungsstift in den Stichkanal eingeführt, der die Öffnung schrittweise vergrösserte – eine Technik, die in modernen Piercing-Studios als „Stretching“ bekannt ist. Hatte das Loch den gewünschten Durchmesser erreicht, konnte der Schmuck eingesetzt werden – und blieb dort im Normalfall bis über den Tod hinaus.

Bis heute messen einzelne australische und afrikanische Volksgruppen dem rituellen Piercen herangewachsener bzw. in die Geschlechtsreife gekommener Stammesangehöriger grosse Bedeutung bei. Das Stechen und eventuell erforderliche Weiten des dafür benötigten Loches sowie das Einsetzen des Schmucks erfolgt häufig noch immer mit traditionellem Werkzeug. Die oft feierlich gestaltete Prozedur wird in der Regel von anspielungsreichen Gesängen und/oder Tänzen begleitet.

Auch in den Nachlässen der kulturell hochentwickelten Ägypter und Inka finden sich Beweise für das praktizierte Piercen der Ohrläppchen. Die von ihnen bevorzugten Schmuckstücke besassen einen zylinder- oder scheibenförmigen Korpus, dessen Mittelteil deutlich schmaler war als die beiden Enden. Jene historischen Vorläufer heutiger Plugs erforderten ebenfalls ein zunehmendes Weiten des zu diesem Zweck gestochenen Loches, welches sie anschliessend vollständig ausfüllten. Diese Art Ohrringe diente den Machthabern als Statussymbol – und veranlasste spanische Eroberer, Angehörige der Inka als „orejones“ (Grossohren) zu bezeichnen.





Welche Bedeutung am Körper befestigter Schmuck bei den antiken Griechen und Römern hatte, ist nicht überliefert.. (Bild: freya-photographer / Shutterstock.com)

Welche Bedeutung am Körper befestigter Schmuck bei den antiken Griechen und Römern hatte, ist nicht überliefert.. (Bild: freya-photographer / Shutterstock.com)

Welche Bedeutung am Körper befestigter Schmuck bei den antiken Griechen und Römern hatte, ist nicht überliefert. Für das übrige Europa zeugt eine heute rund 2600 Jahre alte keltische Gesichtsmaske davon, dass zumindest bei einzelnen Völkern das beidseitige Piercen der Ohrläppchen üblich war – möglicherweise ein Indiz dafür, dass die betreffenden Stämme Kontakt zu anderen Kulturkreisen pflegten.



Mit der Herausbildung verschiedener Gewerke und Zünfte gewann das Piercen auch in anderen Gegenden der „Alten Welt“ immer mehr an Bedeutung. Ganz ähnlich wie in den Ursprungsländern dienten das Stechen von Löchern und das anschliessende Einsetzen von Schmuck hier jedoch vornehmlich der Kennzeichnung: Wer Ohrringe trug, war ein Meister seines Faches, konnte diesen Status bzw. dessen Symbol bei schlechter Arbeit aber auch schnell wieder verlieren. Davon zeugt die Bezeichnung „Schlitzohr“ – welche verdeutlicht, dass die mühsam verdienten Ohrringe bei berechtigter Beanstandung einfach aus dem gepiercten Ohrläppchen herausgerissen wurden.



Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb das Piercen und Schmücken der Ohren in Europa ausschliesslich einzelnen Berufsgruppen oder Frauen vorbehalten. Erst gegen Ende der 1960er-Jahre gelang es den von ihren Indien-Touren heimkehrenden Hippies, Schmuck auch in Männer-Ohrläppchen zu etablieren. Das Piercen jedweder anderer Körperstellen aber blieb Subkulturen wie der Punk- und der BDSM-Szene vorbehalten – zumindest so lange, bis die Rockband Aerosmith das Video zu ihrem Song „Cryin“ veröffentlichte. Der 1993 erscheinende Clip löste einen regelrechten Piercing-Boom aus, in dessen Verlauf uralte Techniken neu entdeckt wurden.

Ausser dem bereits erwähnten Stretching und den oben beschriebenen Plugs gehörte dazu auch das sogenannte Tunneln. Im Gegensatz zu den beiden anderen Praktiken verschliesst der eingesetzte Schmuck das allmählich erweiterte Loch hierbei nicht, sondern umfasst lediglich dessen Rand. Die in der Mitte verbleibende Öffnung – der eigentliche Tunnel – kann einen Durchmesser von wenigen Millimetern bis zu etlichen Zentimetern aufweisen.

Weil das Weiten auf die gewünschte Grösse nur schrittweise erfolgen kann und daher entsprechend zeitintensiv ist, werden die Löcher für Tunnel oder Plugs mitunter auch geschnitten oder gestanzt. Diese vereinfachte und wesentlich schneller zum Ziel führende Variante ist jedoch kein Piercing im eigentlichen Sinne – weswegen viele „Überzeugungstäter“ sie ablehnen.

Obwohl das Stechen von Öffnungen, ein anschliessendes Stretching und sogar das Tunneln theoretisch an allen Körperstellen möglich sind, beschränken sich einige Piercing-Techniken ausschliesslich auf das Ohrläppchen.



 

Oberstes Bild: © Chones – Shutterstock.com

Über Christiane Dietering

Christiane Dietering hat eine handwerkliche, zwei kaufmännische und eine Autoren-Ausbildung absolviert. Sie arbeitet als freie Texterin, Rezensentin und Journalistin in den Themenbereichen Kunst und Kultur. Ihre Hauptauftraggeber sind Veranstalter von Musikaufführungen, Lesebühnen und Erotik-Events.


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