Bodyshaming und Skinnytok: Der weibliche Körper im Dauerfokus
von J. Florence Pompe Figur Gesundheit
Frauen und Mädchen können nicht einfach nur „sein“. Ihr Aussehen, besonders ihr Körper, werden ständig beurteilt, von beiderlei Geschlechtern. Wir zeigen die aktuellen Schönheitsideale und animieren, die Dauerkritik an der Weiblichkeit zu durchbrechen.
Auch in den heutigen modernen Zeiten, in denen Frauen scheinbar alles erreichen können, was sie wollen, wird immer noch die Optik der Frauen kritischer beäugt als die der Männer.
Besonders, was die Figur angeht, ist keine Frau vor Kritik gefeit. Diese kommt allerdings keineswegs in erster Linie von Männern, sondern ist geschlechtsunabhängig.
Besonders, wenn Frauen sich öffentlich zeigen, in den sozialen Netzwerken, egal ob sie prominent sind oder noch unbekannte Influencer: Stets wird der Körper kommentiert und bewertet.
Dies mag bei all denen, die sich bewusst öffentlich zeigen, noch Sinn machen, bzw. ist eine logische Folgerung. Aber Bodyshaming, kritische und unangebrachte Kommentare oder Abnehmtipps bekommen Frauen auch im alltäglichen Leben ungefragt zu hören.
Es ist einfach normal, dass die weibliche Figur kritisch beäugt wird. Und wir alle sollten uns fragen, ob dies wirklich sein muss. Sollten Frauen nicht einfach nur „sein“ dürfen, egal, mit welcher Figur?
Frauen, die besonders übergewichtig oder besonders dünn sind, klagen über das noch immer anhaltende Bodyshaming. Auch wenn viel darüber diskutiert wird, ändert sich nur wenig.
📌 Was ist Bodyshaming?
Bodyshaming bedeutet, jemanden wegen seines Aussehens – etwa Gewicht, Körperform, Haut oder Haare – abzuwerten oder zu kritisieren.
Das kann offen beleidigend oder versteckt in vermeintlich gut gemeinten Kommentaren geschehen.
Betroffene fühlen sich oft beschämt, minderwertig oder unsicher.
Bodyshaming kann ernsthafte Folgen für das Selbstwertgefühl und die psychische Gesundheit haben.
Bodyshaming betrifft Menschen aller Körperformen. Ob „Fat Shaming“ bei übergewichtigen Personen oder „Skinny Shaming“ bei sehr schlanken Menschen. Solche Erfahrungen können das Selbstwertgefühl erheblich beeinträchtigen und zu psychischen Problemen führen.
Warum das Aussehen des weiblichen Körpers so oft im Fokus steht
Das ständige Interesse am Aussehen des weiblichen Körpers hat tief verwurzelte kulturelle und historische Ursprünge. Von der Antike bis zur Gegenwart wurde der weibliche Körper oft als Symbol für gesellschaftliche Werte, Ästhetik und Geschlechterrollen genutzt.
Dieser Fokus auf das Äussere hat sich durch Kunst, Mode und Medien fortgesetzt und beeinflusst bis heute das tägliche Leben. Historisch gesehen wurde der weibliche Körper häufig als „Objekt“ betrachtet, dessen Wert und Schönheit von äusseren, oft objektivierbaren Merkmalen abhingen.
In vielen Kulturen galt die physische Erscheinung der Frau als eine der wichtigsten Eigenschaften, die ihren gesellschaftlichen Status und ihre „Verfügbarkeit“ bestimmten. Dieses Denken hat sich in vielen Bereichen der Gesellschaft verfestigt und prägt leider auch heute noch unsere Wahrnehmung.
Die Rolle der Frauen im Bodyshaming
Interessanterweise sind es nicht nur Männer, die über den weiblichen Körper urteilen. Frauen selber spielen eine bedeutende Rolle bei der Kommentierung und Beurteilung von Körpernormen.
In sozialen Medien, auf der Strasse oder in Gesprächen ist es häufig zu beobachten, dass Frauen sich gegenseitig für ihren Körper oder einzelne Körperteile bewerten – sei es aus Eifersucht, Selbstzweifel oder durch internalisierte gesellschaftliche Standards.
Merkwürdigerweise hat fast jeder ein Ideal im Kopf, wie eine Frau auszusehen hat – und fatalerweise haben sehr viele Menschen das Bedürfnisse anderen diese Ideale ständig mitzuteilen, oder einfach zu „mäkeln“, wenn die Ideale nicht erfüllt werden.
Das Leben für junge Mädchen und Frauen gleicht daher einem Dauercasting. Sie werden von ihrem Umfeld oder fremden Personen ständig beurteilt, als ob sie sich für irgendetwas bewerben würden.
Kann das überzogene Interesse am weiblichen Körper auch etwas Positives sein?
Viele Frauen verdienen eben gerade mit ihrem Aussehen Geld. Egal, ob dick oder dünn, besonders schön oder besonders auffällig.
Man könnte argumentieren, dass der Fokus auf das Aussehen der Frau auch eine Form der Wertschätzung ist.
Sehr selbstbewusste Frauen kehren den Spiess einfach um – wenn ihr Körper so viel kommentiert wird, muss er ja besonders interessant sein!
Genau diese Einstellung ist sehr hilfreich, dem anhaltenden Bodyshaming etwas zu entgegnen und nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln, denn alle kritisierten weiblichen Körper bekommen ja etwas sehr Wertvolles – nämlich die Aufmerksamkeit der Betrachter in einer Welt der Reizüberflutung.
Mögliche Antworten auf Bodyshaming und ungefragte Tipps oder Hinweise zur Figur:
Selbstbewusste und direkte Antworten
- „Wie ich aussehe, braucht nicht dein Thema zu sein. Dein Kommentar sagt eher viel über dich aus.“
- „Wenn dich meine Figur so beschäftigt, ist das eher dein Problem, als meines.“
- „Ich bin nicht hier, um jemandes Ideal zu erfüllen, sondern um Ich selbst zu sein.“
Ironisch und frech:
- „Danke für deine Meinung, nach der niemand gefragt hat.“
- „Interessant dass mein Bauch (Beine, Po) dich so intensiv beschäftigen…“
Empowerment und solidarisch
- „Mir gefällt meine Figur – und das reicht.“
- „Es gibt keine richtige oder falsche Figur. Danke für dein veraltetes Schönheitsideal.“
- „Frauen sind mehr als ihre Bodymasse, Kleidergrössen und ihr Gewicht.“
- „Vielleicht sollten wir mal aufhören und gegenseitig zu bewerten und anfangen, unsere Weiblichkeit mehr zu feiern.“
Gelassen und souverän
- „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“
- „Ich habe mit meiner Figur/meinem Körper Frieden geschlossen, das solltest du auch mal versuchen.“
- „Ich muss nicht jedem gefallen. Sich selbst zu mögen ist das Wichtigste.“
Diese oder eigene Sprüche sollte man sich richtig einprägen, damit man schlagfertig reagieren kann, ob im direkten Gespräch oder online. Je mehr solche Reaktionen kommen, umso weniger haben kritische Mitmenschen Lust, ihre Meinung ungefragt kundzutun und werden ihrerseits für ihre Übergriffigkeiten beschämt.
Der Wandel der Schönheitsideale in den letzten Jahrzehnten
Bevor man sich und sein Aussehen in Frage stellt, sollte man sich immer bewusst machen, wie wandelbar Schönheitsideale doch sind.
1950er Jahre: Weibliche Kurven waren gefragt, aber die Silhouette blieb eher schlank wie bei Marilyn Monroe und Sophia Loren.
1960er Jahre: Mit dem Model Twiggy kam der erste Schlankheitswahn und verdrängte die kurvigen Ideale.
1970er Jahre: Die Hippie-Mode verlangte eher schlanke Figuren, wobei Frauen nicht mehr so übertrieben dünn sein mussten wie Twiggy.
1980er Jahre: Die Aerobic- Welle schwappte dank Jane Fonda über die Erde und es waren sehr schlanke, straffe Figuren gefragt.
1990er Jahre: Neben den Baywatch-Beautys, die gertenschlank, aber mit Silikonbrüsten sehr unrealistische Ideale darstellten, gab es den sogenannten „Heroin Chic“, den das schlanke Model Kate Moss prägte.
2000er Jahre: Der Trend zu sportlichen, durchtrainierten Figuren setzte sich durch. Vorbild war etwa Popstar Britney Spears.
2010er Jahre: Kurvige Körper mit betonten Hüften und Gesäss, inspiriert durch Prominente wie Kim Kardashian, wurden zum Ideal für viele. Einige prominente Damen liessen sich sogar Hüftfett spritzen, damit sie kurviger wirken (Shirin David).
Aktuell – Rückkehr zu extrem dünnen Figuren
Aktuell gibt es zwei grosse Strömungen: Weibliche Influencer feiern das Ideal von „Boops and Butts“, das bedeutet, grosse, runde Pos und Brüste. Diese stellen sie gerne in hautenger Kleidung wie Leggins und Sport-Tops zur Schau. Der Po wird sogar mit sogenannten Push-Ups optisch aufgepolstert und angehoben. Das war in früheren Jahrzehnten undenkbar.
Parallel existiert unter jüngeren Frauen, eher jungen Mädchen, wieder das Ideal, eines extrem dünnen Körpers. Unter dem Hashtag „SkinnyTok“ tauschen sie Abnehmtipps aus und zeigen abgemagerte Figuren mit sichtbaren Knochen. Ein grosser Grund zur Sorge für die Eltern, die die jungen Mädchen kaum erreichen.
Rückblick in frühere Jahrhunderte – war früher alles besser?
Keineswegs hatten Frauen und besonders diese im heiratsfähigen Alter es in früheren Jahrhunderten besser als heute. Jede Dekade hatte ihre eigenen Schönheitsideale. Mal galten extrem schlanke Taillen als Ideal und wurden extra geschnürt. Mal wurde die Brust förmlich weggedrückt mit Miedern.
Mal waren üppige „Rubens“ Figuren schön, mal zarte, elfenhafte Figuren. Mal standen die Knöchel im Mittelpunkt des Interesses, dann wieder üppige Dekolletés.
Richtig anstrengend wurde es für Frauen aber tatsächlich erst, seit sie Hosen tragen und nun Po, Hüften und Oberschenkel für jedermann sichtbar wurden.
Wie Bodyshaming und ungesunden Idealen begegnen?
Trotz dieser Herausforderungen gibt es Bewegungen, die für mehr Akzeptanz und Vielfalt eintreten. Die Body-Positivity-Bewegung setzt sich dafür ein, dass alle Körperformen als schön und wertvoll anerkannt werden.
Allerdings wird auch hier kritisiert, dass der Fokus weiterhin auf dem Aussehen liegt. Deshalb gewinnt das Konzept der Body Neutrality an Bedeutung, das den Körper nicht bewertet, sondern einfach akzeptiert, wie er ist.
Der weibliche Körper sollte nicht ständig bewertet oder verändert werden müssen, um gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen.
Echte Schönheit liegt in der Vielfalt und im Selbstbewusstsein. Indem wir uns von starren Schönheitsnormen lösen und unseren Körper als wertvoll und einzigartig anerkennen, können wir zu einem gesünderen Selbstbild gelangen.
Glücklicherweise gibt es auch zahlreiche Initiativen gegen den Magerwahn. Influencerinnen wie Gabi Gregg und Nicolette Mason setzen sich für Körpervielfalt ein und zeigen, dass Schönheit in jeder Grösse existiert.
Labels wie „Premme“ und einige Modehäuser setzen verstärkt auf diverse Modeltypen, um ein realistisches Körperbild zu fördern.
Zudem gewinnen Hashtags wie #BodyPositivity und #SelfLove an Bedeutung, um junge Menschen zu ermutigen, sich von unrealistischen Schönheitsidealen zu lösen. Wir alle sollten unsere Schönheitsideale kritisch hinterfragen und uns selbst und andere weniger bewerten.
Titelbild: Staras – shutterstock.com