Muss Stress immer negativ sein?

05.02.2015 |  Von  |  Allgemein
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Muss Stress immer negativ sein?
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„Stress“ ist eines der am häufigsten verwendeten Wörter im Berufsalltag. Auch in der Jugendsprache hat es seinen festen Platz gefunden, selbst wenn es hier nur selten in seiner ursprünglichen Form zu entdecken ist. Selbst in offenbar harmlosen Situationen einer normalen Anforderung sprechen heute viele von Stress.

Durchweg negativ besetzt wird dabei der eigentliche Sinngehalt und die antreibenden Wirkungen von Stress völlig missverstanden. Schauen wir uns doch einmal näher an, was Stress ist und wie er auf die Menschen tatsächlich wirkt.

Stress versus Überforderung

Bevor wir uns an den Sinngehalt von Stress und seine Bedeutung im menschlichen Dasein wagen, sollten wir Stress zunächst von einer ständigen Überforderung abgrenzen. Damit hat Stress nun wirklich nichts zu tun. Darüber hinaus sollten wir uns auch gleich zu Beginn davor verwahren, Stress als etwas rundum Negatives und Belastendes zu betrachten. Eine permanente Überforderung ist letztlich nur die Anhäufung von unbewältigtem Stress und wirkt erst dann negativ, wenn wir nicht in der Lage sind, uns nachhaltig davon zu befreien. Überforderung hat in diesem Sinne also nicht wirklich etwas mit Stress an sich zu tun.

Was genau ist denn nun eigentlich Stress?

Folgt man den Ausführungen der Wikipedia zum Suchbegriff Stress, dann wird schnell klar, dass es für diesen Zustand keine wirkliche Definition gibt. Stress (aus dem Englischen für Druck oder Anspannung) wird auf die menschliche Psyche genauso ausgeübt wie beispielsweise auf das Bankensystem (Stresstest für Banken) oder auf Materialien (Belastungstest für Teile). Auch in der Tierwelt ist Stress als Anspannungssituation zu beobachten. Stress ist also keine auf den Menschen beschränkte Erscheinungsform, sondern kann viele Bereiche erfassen.

Bezogen auf die menschliche Psyche bezeichnen wir hier Stress als eine innere Alarm- oder Anspannungssituation, die von Stressoren (den Auslösern für den Stress) hervorgerufen wird und in der die Befürchtung besteht, die stressauslösende Situation nicht adäquat meistern zu können. In diesem Sinne ist Stress noch keine Überforderung, sondern vielmehr eine zunächst weiter undefinierte Alarmsituation, die nach einer Lösung strebt.

Stress als Antriebsfeder

Befinden sich Menschen in einer solchen Alarmsituation, dann werden sowohl der Körper als auch die Psyche auf eine besondere Anforderung eingestellt. Die Drüsen produzieren vermehrt Sekrete und Hormone, die Sinne werden hellwach und der gesamte Körper gerät in eine besondere Form der Anspannung. Diese ist allein darauf ausgerichtet, der bedrohlichen Situation etwas entgegensetzen zu können. Dafür werden Energien und verborgene Fähigkeiten abgerufen, die im Normalzustand kaum verfügbar wären.

Von der Natur aus sorgt Stress dafür, dass in besonderen Gefahrensituationen Überlebensmechanismen abgerufen werden. Der erhöhte Ausstoss bestimmter Hormone begleitet diesen Prozess der Stressbewältigung.


Stress kann viele Bereiche erfassen. (Bild: © Angela-Waye - shutterstock.com)

Stress kann viele Bereiche erfassen. (Bild: © Angela-Waye – shutterstock.com)


So gesehen ist es sinnvoller, Stress als Antriebsfaktor und nicht als Hemmnis zu verstehen. Dementsprechend setzen wir unter Stress deutlich mehr Bewältigungsstrategien frei, als wir das im normalen Alltag tun würden. Aus dieser Sicht kann Stress durchaus zu höheren Leistungen und zu einer besonderen Aufmerksamkeit führen. Daran finden wir zunächst auch nichts Verwerfliches.

Stress gezielt zur Leistungssteigerung einsetzen

Für die Bewältigung besonderer individueller Aufgaben setzen wir uns sogar selbst gern einmal unter Stress. Das geschieht beispielsweise beim ersten Sexualverkehr genauso wie auf einer abenteuerlichen Reise oder bei der Annahme von Aufträgen in einem ungewohnt grossen Volumen. Hier setzen wir uns freiwillig einem Stress aus, der von uns neue, bislang unbekannte Leistungen abfordert, zugleich aber auch eine Herausforderung darstellt, deren Bewältigung wir mit einem (eigentlich nicht passenden) Wohlgefühl und der Vorfreude auf Belohnung entgegenblicken.

So lässt sich Stress ganz gezielt dafür einsetzen, das Leistungspotenzial von Menschen weitgehend auszuschöpfen und damit letztlich auch die Leistungsgrenzen zu erkunden.

Wenn Stress in Überforderung ausartet

Erst dann, wenn der Stress als besondere Anforderungssituation das Repertoire der individuellen Stressbewältigungspotenziale übersteigt, entsteht eine zumindest zeitweise Überforderung. In dieser Situation fühlen wir uns wehrlos ausgeliefert, haben den Stressoren nichts mehr entgegenzusetzen und ergeben uns oftmals der unweigerlich folgenden, meist negativen Situation.

Häufen sich solche stressbedingten Überforderungssituationen innerhalb kurzer Zeit, kommt es schon wegen der vermehrten Ausschüttung bestimmter Hormone und der damit verbundenen körperlichen Erscheinungen zu einer Form der Erschöpfung, die bei andauernder Überforderung letztlich auch zum gefürchteten Burn-out führen kann. Erst dann wird Stress wirklich negativ besetzt und wirkt sich nachhaltig ungünstig auf die Leistungsbereitschaft, Leistungserbringung und letztlich auch auf den Gesamtzustand der Persönlichkeit aus.

Stress in der Entwicklung des Menschen

Ohne einen gesunden Stress hätte sich der Mensch in seiner Geschichte nicht durchsetzen können. Stress als Bereitschaftssignal in Alarmsituationen schützt letztlich auch das Leben in Gefahrensituationen und ist ein wahrnehmbarer Zustand, der bei richtiger Würdigung auch vor andauernder Überforderung schützen kann.

So gesehen wirkt Stress auch für die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen durchaus förderlich, sofern keine ständigen Überforderungen erzeugt werden. Das Ausreizen des gesamten Leistungsspektrums eines Menschen kann dessen Entwicklung antreiben und ihm neue Werkzeuge zum Umgang mit Stress an die Hand geben.



Wer dann letztlich meint, dass Stress etwas abgrundtief Negatives sei, der irrt. Oder hier herrscht einfach die Ansicht vor, dass Anspannung in fordernden Situationen etwas Schlechtes sei. Das entspricht aber eher einer bequemen Geisteshaltung, die sich nicht gern mit neuen, durchaus auch gesteigerten Anforderungen auseinandersetzen möchte.

 

Oberstes Bild: © KieferPix – shutterstock.com



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