Quadratisch, praktisch, schön: das Glarner Tüechli

12.08.2015 |  Von  |  Mode
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Quadratisch, praktisch, schön: das Glarner Tüechli
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Wahrscheinlich kennt ihr das auch: Da sieht man plötzlich im Ausland etwas typisch Schweizerisches und freut sich total darüber. So ging es mir zum Beispiel, als in Florida neben mir ein junger Mann am Flughafen sass, der ein Glarner Tüechli an seinen Rucksack geknotet hatte.

Ich sprach ihn an, da ich dachte, er würde wie ich auf den Flug nach Zürich warten. Aber es war ein Skandinavier, der früher eine Zeit lang in der Schweiz gearbeitet hat und seitdem das Tuch am Rucksack mit sich durch die Welt trägt. Er lachte und erzählte mir, dass er damals etliche der Tücher als Mitbringsel mit nach Hause genommen hätte. Die Beschenkten dürfen sich freuen: Aktuell sind die farbenfrohen Tücher absolut trendy und als vielseitiges Accessoire unschlagbar.

Farbenfroh und vielseitig

Die lebhaft gemusterten Tüechli werden traditionell im Glarnerland hergestellt, woher sie auch ihren Namen haben. Es gibt sie in rund 40 verschiedenen Farben, mal mit orientalisch anmutenden Mustern, mal mit Edelweiss- oder Alpmotiven. Das Glarner Tüechli gehört zur Ausstattungen fast jeden Outdoorsportlers. Aber längst tragen es nicht nur Skifahrer und Wanderer: Es ergänzt perfekt die aktuelle Mode und dank seiner Vielseitigkeit wird ihm jeder, der erst einmal die vielen Vorzüge des Tuchs erfahren hat, unabhängig von Modediktaten die Treue halten.

Wer sich in diese praktischen Glarner Tüechli verliebt hat, möchte sie am liebsten alle haben! Ich besitze selber fast ein gutes Dutzend und es kommt immer mal wieder eine neue Farbe hinzu.

Wie kam das Tuch ins Glarnerland? Geschichte eines Glarner Kulturgutes

Über die Geschichte des Glarner Tüechlis gibt es verschiedene Meinungen. Erwiesen ist, dass bereits im 17. Jahrhundert bunt bedruckte indische Stoffe mit den Seefahrern nach Europa gelangten. Lebhafte, farbige, aufgedruckte Muster waren zu jener Zeit eine Rarität und wer konnte, deckte sich grosszügig damit ein. Nicht nur Kleidung, auch Wandschmuck und Bezüge für Sitzmöbel wurden daraus gefertigt.


Lebhafte, farbige, aufgedruckte Muster waren zu jener Zeit eine Rarität (Bild: © Rémi Stosskopf, Wikimedia, GNU)

Lebhafte, farbige, aufgedruckte Muster waren zu jener Zeit eine Rarität (Bild: © Rémi Stosskopf, Wikimedia, GNU)


Um 1680 entstanden in England, Deutschland und Holland Manufakturen, welche nach indischem Vorbild Baumwollstoffe bedruckten. An der Aufbauarbeit waren unter anderem Hugenotten aus Frankreich beteiligt. Sie waren es auch, die in der Eidgenossenschaft Zeugdruckereien eröffneten. Die erste gründeten sie in Genf (1691), weitere folgten in Neuenburg, Bern, Aargau, Zürich und Basel. Erst rund 50 Jahre später, nämlich 1740 erreichte die Baumwolldruckerei Glarus. Im folgenden Jahrhundert entstanden hier neben England und der Region Mühlhausen die grössten Zentren des europäischem Stoffdruckes.

Damals war man noch weit entfernt von der Textilindustrie, wie man sie Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts kannte. Erst einmal wurde mit Holzmodeln und grossem Zeitaufwand in Handdruck gearbeitet. Auch chemische Farbstoffe kannte man zu jener Zeit noch nicht. Nach deren Erfindung kam es allgemein im Textildruck zum Aufschwung. Im Glarnerland hatten sich schon in den vorhergehenden Jahren immer mehr Stoffdruckereien niedergelassen. Webereien und Spinnereien fanden an der Linth und den Nebenflüsschen den idealen Standort.

Glarner Fabrikanten und Händler übernahmen den weltweiten Vertrieb selbst. Das hatte den Vorteil, dass sie direkt auf Kundenwünsche reagieren und dadurch immer neue Absatzmärkte finden konnten. 1865 waren 6250 der ca. 35‘000 Einwohner des Glarnerlandes in den Textildruckereien beschäftigt. Der Kanton Glarus war in der Schweiz die wichtigste Region für die Zeugdruckerei. Sie machte sich damit aber auch abhängig von den Exporten. Die Konkurrenz aus Fernost zwang schliesslich viele der Glarner Betriebe zur Aufgabe.

War der Absatz längere Zeit rückläufig, erlebt das Glarner Tüechli derzeit eine Renaissance: Die Tücher, die wir heute kaufen, kommen aus dem über 220-jährigen Traditionsbetrieb Blumer & Cie in Niederurnen. Er produziert vor allem für Schweizer Kunden und das benachbarte Ausland.

Es gibt übrigens im Kanton Glarus eine schöne Geste: Jeder Neuzuzüger bekommt als Begrüssung ein Tüechli geschenkt.


Im Kanton Glarus bekommt Neuzuzüger als Begrüssung ein Tüechli geschenkt. (Bild: © Matthias Zepper - CC BY-SA 3.0)

Im Kanton Glarus bekommt Neuzuzüger als Begrüssung ein Tüechli geschenkt. (Bild: © Matthias ZepperCC BY-SA 3.0)


Warum wir das Glarner Tüechli so lieben

Das Glarner Tuch, einst vor allem als Schnupftuch verwendet, hat sich zu einem modischen Accessoire entwickelt, das bei Jung und Alt gleichermassen beliebt ist. Mit seinem lebhaften Muster passt es zur derzeit wieder angesagten 70er Jahre-Mode. Gleichzeitig ergänzen die Edelweissmotive den Trachtenlook ebenso wie die aktuellen Blusen und Shirts mit Spitzen. Die Möglichkeiten, das Glarner Tüechli zu tragen, sind enorm vielseitig. Outdoorsportler tragen es gern als Schutz gegen die Sonne um den Kopf gebunden. Wer viel schwitzt, zum Beispiel beim Joggen, rollt es zusammen und trägt es als Stirnband. Als Hals- oder Nickituch wertet es schlichte Oberteile auf.


Das Glarner Tuch hat sich zu einem modischen Accessoire entwickelt. (Bild: © vectorob - shutterstock.com)

Das Glarner Tuch hat sich zu einem modischen Accessoire entwickelt. (Bild: © vectorob – shutterstock.com)


Aber das ist noch längst nicht alles! Die Tücher, die es in den Grössen von ca. 50 x 50 und 70 x 70 cm gibt, können natürlich klassisch getragen werden, aber mit ein wenig Kreativität lässt sich noch viel mehr damit machen. Eine Kollegin hat zum Beispiel ihrer kleinen Tochter eine Bluse daraus geschneidert und die sieht total herzig aus. Stolz ist das kleine Maidli auch auf eine Küchenschürze aus einem Glarnertuch, welche Mama selber machte. Den Rand eines Tuches hat sie auf die Taschen einer Jeansjacke genäht, auch das sieht klasse aus.

Auch wer nicht nähen kann, findet immer wieder neue Verwendungsmöglichkeiten für die bunten Tücher:

  • Zusammengeknotet und -gerollt können sie anstelle eines Gürtels durch die Schlaufen des Hosenbundes einer Jeans gezogen werden.
  • Die Haare lassen sich damit zum Pferdeschwanz binden.
  • An den Henkel einer schlichten Tasche geknotet, bekommt diese gleich einen neuen Look.
  • Auch die derzeit angesagten Strohhüte können im Nu verändert und farblich auf die Kleidung abgestimmt werden, wenn ihr ein Tuch schmal zusammenlegt und darum bindet.
  • Zur Jeans und einem schlichten weissen T-Shirt passt das Glarner Tüechli nicht nur um den Hals, sondern auch ums Handgelenk geschlungen.

Sicher fallen euch noch weitere Möglichkeiten ein, wie ihr das traditionelle und doch trendige Accessoire „made in Switzerland“  tragen könnt.



Noch mehr kreative Ideen ….

In unserem Magazin stellen wir euch immer wieder Selbstgemachtes vor, sei es Kosmetik oder Essbares. Selbst hergestellte Pflegeprodukte sind, ebenso wie Marmeladen oder Guetzli, beliebte Geschenke. Wenn ihr diese für einen lieben Menschen in ein Glarner Tüechli einpackt, macht ihr ihm gleich doppelt Freude! Und falls ihr zum Picknick einladet, können die Tücher ebenfalls mit von der Partie sein und ersetzen die üblichen Dekorationen.  Sogar zum Einwickeln von Sandwiches bieten sie sich an, bekommt so doch jeder Gast gleich eine Serviette mit in die Hand. Auch als „Tischdecke“ machen sich die Tücher gut.

Zum Abschluss noch ein Tipp für hochsommerliche Wandertage: Wenn ich bei heissen Temperaturen in den Bergen unterwegs bin, tauche ich mein Glarner Tüechli gerne in Bergbäche, wringe es aus und lege es mir um den Hals. Das erfrischt wunderbar.

 

Oberstes Bild: © Veles Studio – shutterstock.com

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