Mode als Kunst – wie Kleidung unsere Kultur ausdrückt

04.03.2016 |  Von  |  Mode
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Mode als Kunst – wie Kleidung unsere Kultur ausdrückt
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Die Kunst ist Spiegelbild unserer Gesellschaft und prägte die Epochen. Selbst Menschen, die sich nicht für Kunst interessieren, leben alltäglich mit Designs und Gestaltungsformen, die irgendwann einem Vorbild der Kunst entsprungen sind.

Sei es ein extravagantes Kleid, ein Einrichtungsgegenstand im Stil des Art déco oder die Architektur unserer Häuser. Auch, wenn der modernen Fashion Geistlosigkeit und fehlende Glaubhaftigkeit vorgeworfen werden, ist sie doch Teil unserer Kultur und drückt den Stil unserer Epoche aus.

Mode als Kunstkultur

Die Kunst war stets geprägt von politischen Hintergründen, Missständen in einer Gesellschaft oder den Botschaften der Kirche. Sie drückte mal unterschwellig mal laut aus, was die Massen dachten, forderte mehr Freiheiten oder politisches Umdenken. Die Stilrichtungen jeder Zeit fanden und finden sich stets in der Mode wieder.

Anfang des 20. Jahrhunderts erfand der spanische Künstler Mariano Fortuny die skandalösen plissierten Delphos-Roben, die aus einem fein gefädelten Seidenschlauch bestanden und das Korsett mit seinen Zwängen in den Schatten stellten, indem sie die Konturen der Frau umspielten, anstatt sie zu verformen. Nicht nur bei extrovertierten Tänzerinnen und Darstellerinnen waren die Roben deshalb sehr beliebt.



Der Surrealist Salvador Dalí und die Modegöttin Elsa Schiaparelli konstruierten gemeinsam Anzüge mit Taschen in Lippenform – und mit der Pop Art, dem Zelebrieren von Materialismus und Popkultur sowie der Op-Art-Bewegung, einer Kunstrichtung mit dem Fokus auf optische Täuschungen aus kontrastierenden Linien und Mustern, verschmolzen in den 60er-Jahren in New York und London Mode und Kunst auf ganz neue Art. Andy Warhol, einer der bekanntesten Vertreter der Pop Art, verzierte Kleider und Hemden mit Siebdrucken seiner Kunstwerke wie dem Campbell’s-Soup-Tomatensuppen-Hängerchen in A-Linie aus dem Jahr 1960.

Versace griff sein Erbe, die Marilyn-Monroe-Prints, 30 Jahre später wieder für seine Kleider auf. Auch der grosse Yves Saint Laurent liess sich schon damals von Kunstbewegungen inspirieren und kreierte das Pop-Art-Comicstrip-Dress, ein Kleid mit riesigen Ausschnitten schwarz-weisser Comic-Figur-Prints. Mit dem Aufkommen der berühmten Modefotografen und Supermodels Ende der 80er-Jahre nahm die Mode der Kunst endgültig seine Hoheitsstellung, insbesondere in Bezug auf Grenzüberschreitungen und Tabubrüche. Mode wurde radikal und einzigartig – sie wurde zum Kunstwerk.



Kunst auf dem Catwalk

Besonders inspirierende und spannende Kunstausstellungen waren im letzten Sommer nicht unbedingt in bekannten Galerien, sondern vor allem auf den Laufstegen der Welt zu bestaunen – Mode in Form von bildender Kunst als solches dargestellt, inspiriert von Künstlern, in Zusammenarbeit mit ihnen oder als dekonstruierte Konzeptart. Allen voran das Luxusmodehaus Chanel und dessen Meister Karl Lagerfeld setzten auf diese Art der Präsentation: Vielleicht sogar als Persiflage angesichts des übertriebenen Hypes um aktuelle Kunst inszeniert Lagerfeld seine Frühjahr/Sommer 2014 Kollektionsshow, in welcher er seine 89 Outfits durch eine Galerie mit 75 selbst entworfenen Artobjekten stolzieren lässt. Das Augen-Make-up im Stil von Farbpaletten mit bunten, breiten Lidstrichprints setzt sich auf den Materialcollagendesigns und Tweedensembles mit Farbverläufen fort, geschmückt mit üppigen Armbändern und Colliers.

Wahre Kunstobjekte allerdings sind die Bags: bemalt, besprüht, geschnipselt oder geknotet – jede Tasche bzw. Rucksack ist ein artistisches Einzelstück. Christophe Lemaire, Chefdesigner von Hèrmes, entführt seine Kundinnen in diesem Sommer in den Dschungel mit grossen, realistischen Flora- und Faunaprints auf seinen Kreationen, die in der Urwaldkulisse Ton in Ton mit dem Hintergrund einhergehen, ja förmlich mit ihm verschmelzen, als sei das Outfit inklusive Model die Hauptfigur in einem grossen Gemälde.

Plakativ mit dicken, graffitiartigen Pinselstrichen bemalte, weite Hemden, T-Shirts und Mäntel bilden die aktuellen, neuen Avantgardelooks des französischen Labels Céline – inspiriert von den Fotografien des ungarischen Fotografen Brassai, in den 1920ern Mitglied der Pariser Avantgardeszene.

Jedoch reicht es vielen Modedesignern nicht, sich von Kunst einfach nur inspirieren zu lassen; sie ziehen im Kampf um Anerkennung und Einzigartigkeit alle Register. Dazu passt, dass durch den kommerziellen Boom der Kunstszene Künstler angesagt sind wie nie – und neue Flächen für ihre Kreativität suchen. Textilien sind die Gemälde der Neuzeit und so spriessen Kooperationen mit Modehäusern aus dem Boden. Marc Jacobs feiert seinen Abschied von Louis Vuitton mit einer eindrucksvollen Show, bei der von der Kulisse über die Inszenierung bis hin zur Mode selbst nichts auch nur im Geringsten den Normen einer Modenschau entspricht. Ein gigantischer Springbrunnen, ein Karussell, eine Bahnhofsuhr, düsterer Glitzerboden und opulenter federner Kopfschmuck sorgen neben den Schriftzügen auf Körpern, die er zusammen mit dem Graffitikünstler Stephen Sprouse 2001 entwarf, für ein unvergessliches Kulturevent.

Ebenso beim italienischen Luxuslabel Prada: Chefdesignerin Muccia Prada ist selbst in Kunststiftungen tätig und fördert Talente mit ihrem Modehaus. In ihrer aktuellen Kollektion „In the Heart of the Multitude“ zieren Murals, graffittiartige mexikanische Wandmalereien – der direkte Vorläufer der modernen Graffiti – und Street Art in Form von politischen Motiven das Setting, gerade geschnittene, ärmellose Kleider und dekadente Pelzmäntel – gezeichnet von insgesamt vier Muralisten und zwei Illustratoren. Sogar Jil Sander, die Queen of Less, druckt diesen Sommer farbenfrohe Motive in Form von Gänsefedern, inspiriert von den Werken des italienischen Arte-Povera-Künstlers Alighiero Boetti, auf ihre minimalistischen Kleiderkreationen.

Wer tragbare Extreme-Art sucht, wird bei den heimlichen Mode-Konzept-Künstlern fündig: Rei Kawakubo setzt sich mit ihrer Marke Comme des Garçons erfolgreich und konsequent über Kommerz hinweg. Ihre Philosophie: „Die einzige Möglichkeit, etwas Neues zu erschaffen, ist es, gar nicht vorzuhaben, Kleidung zu entwerfen“. Sie und ihre Kollegen Alexander McQueen und Martin Margiela entwerfen nicht primär tragbare Schnitte, sondern kreieren sensationelle Inszenierungen und Sammlerstücke, die wie Gemälde aus dem Mittelalter in die Geschichte eingehen. Sowohl Mode als auch Kunst hängen mittlerweile im Museum – und feiern nebeneinander und miteinander als kulturelle Phänomene das kreative Spektakel.



 

Artikel von: fashionpress.de
Artikelbild: © Ollyy – Shutterstock.com

Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.


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