Die Schweizer sorgen sich nur wenig um ihr Gehör

18.12.2015 |  Von  |  Gesundheit
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Die Schweizer sorgen sich nur wenig um ihr Gehör
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Unser Gehör ist der Schlüssel zum Sozialleben und das einzige Sinnesorgan, das für unsere Sicherheit ununterbrochen aktiv ist. Trotz dieser Wichtigkeit gehen wir recht sorglos mit dem Hören um. Zwar zeigt eine repräsentative europäische Studie, dass tendenziell weniger Schweizer unter einer Hörminderung leiden als die Menschen in anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig lassen aber auch weniger Schweizer ihr Gehör testen und unterschätzen die negativen Folgen für Privatleben, Berufstätigkeit und Gesundheit.

Man macht sich kaum bewusst, was unser Gehör 24 Stunden am Tag leistet. Denn es ist das einzige Sinnesorgan, das ununterbrochen arbeitet. Egal, ob wir wach sind oder schlafen, ständig leiten unsere Ohren Schallimpulse weiter. Im Gegensatz zu unseren Augen, die sich nur nach vorne orientieren, erlaubt das Gehör eine 360 Grad Informationsaufnahme. So können wir zum Beispiel im Strassenverkehr wahrnehmen, wenn sich etwas von hinten nähert.


Grafik: Anteil Bevölkerung mit Hörminderung/ mit Hörgerät, HSM EuroTrak Studie 2015

Grafik: Anteil Bevölkerung mit Hörminderung/ mit Hörgerät, HSM EuroTrak Studie 2015


Dennoch gehen wir relativ sorglos mit ihm um und setzten es meist ungeschützt der Belastung durch Lärm in der Arbeitsumgebung oder im Privatleben aus: Wer sich vor konstantem Lärm über 85 dB nicht schützt, schädigt seine Hörfähigkeit.

Das Alter spielt nicht immer eine Rolle

Dass Hörminderungen keine Seltenheit sind, zeigt die Auswertung der EuroTrak 2015 Studie. Hier gibt jeder zehnte Schweizer Erwachsene, Hörprobleme zu haben. In der Gesamtbevölkerung sprechen 8 Prozent von einer Hörminderung – ein Durchschnittswert mit dem die Schweiz im Vergleich zu Deutschland (12,1%), England (9,7%) oder Frankreich (9,3%) noch recht gut dasteht. Im Umkehrschluss zu sagen, dass die Schweizer am besten hören, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Denn die Studie zeigt auch, dass die Menschen hierzulande vergleichsweise selten und nur unregelmässig einen Hörtest machen lassen.


Grafik: Der Weg zum Hörgerät – Drop-out-Rate, HSM EuroTrak Studie 2015

Grafik: Der Weg zum Hörgerät – Drop-out-Rate, HSM EuroTrak Studie 2015


Ähnlich dem Sehen treten Hörverluste in jedem Alter auf. Zwar nimmt der Anteil Personen, die eine Hörminderung haben, erst ab 65 Jahre stark zu. Es zeigt sich aber, dass auch jüngere Altersgruppen bereits Probleme mit dem Hören haben. So geben in der Altersgruppe von 15 bis 24 und 25 bis 34 Jahre je rund 2 Prozent an, schlechter zu hören. Bei den 35- bis 44-Jährigen sind es 3,5 Prozent und bei den 45- bis 54-Jährigen klagen mehr als 5 Prozent über Hörprobleme. Auch hier zeigen sich starke Unterschiede zu den europäischen Nachbarn.

Liegen die Gründe für eine Hörminderung bei der älteren Generation meist im Alterungsprozess, sind es bei den jüngeren Verschleisserscheinungen durch starke Beanspruchung durch Umwelt- und Freizeitlärm. Je mehr man seinen Ohren zumutet, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit für Hörminderungen und umso früher treten sie auf. Altersschwerhörigkeit ist somit auch ein Resultat aller das Gehör belastenden Einflüsse über das gesamte Leben.


Ähnlich dem Sehen treten Hörverluste in jedem Alter auf. (Bild: wavebreakmedia - Shutterstock.com)

Ähnlich dem Sehen treten Hörverluste in jedem Alter auf. (Bild: wavebreakmedia – Shutterstock.com)


Weniger hören beeinflusst Gehirn

Dass ein Hörverlust im ersten Moment nicht so ernst genommen wird, könnte am schleichenden Prozess liegen. Gehen zuerst nur die hohen Frequenzen verloren, verringert sich mit zunehmender Dauer das gesamte Hörspektrum. Meint man anfangs noch, dass die Gesprächspartner undeutlich sprechen, stellt man irgendwann fest, dass man selbst undeutlicher hört. Zwar leidet eine Mehrheit der Betroffenen in der Schweiz „nur“ unter einer milden bzw. moderaten Hörminderung, diese bedeutet aber bereits einen Hörverlust von 20 bis 60 Prozent.

Mit der Versorgung einer Hörminderung sollte man nicht warten, bis diese sich zu einem unerträglichen Mass gesteigert hat. Denn bereits bei einer geringen Hörminderung verliert das Gehirn die Fähigkeit, Geräusche zu unterscheiden, d.h. relevante von irrelevanten zu trennen. Dies führt dazu, dass Stimmen oder Geräusche in Alltagssituationen nicht mehr herausgehört werden können.

Hinzu kommt, dass sich das Gehirn an das weniger Hören gewöhnt. Da die eigentliche akustische Wahrnehmung hier stattfindet, führt eine lange unbehandelte Hörminderung dazu, dass die für die Verarbeitung verantwortlichen Hirnareale andere Aufgaben übernehmen. Sie stehen dann für gewisse Tonfrequenzen nicht mehr zur Verfügung und man verlernt das Hören. Im schlimmsten Fall ist dies irreversible, das heisst auch ein Hörgerät kann nicht mehr helfen.


Grafik: Positive Effekte beim Tragen eines Hörgerätes, HSM EuroTrak Studie 2015

Grafik: Positive Effekte beim Tragen eines Hörgerätes, HSM EuroTrak Studie 2015


Geringere Diskriminierung in der Schweiz

Wer weniger hört, hat Probleme Unterhaltungen zu folgen und entsprechend mühsamer wird die Kommunikation. Für Betroffene mit einer unbehandelten Hörminderung wirkt sich dies auf das persönliche Wohlbefinden und gegebenenfalls die Gesundheit aus. Denn die permanente Unsicherheit, ob man alles richtig verstanden und angemessen reagiert hat, führt zu Stress und Betroffene neigen dazu, sich zurückzuziehen. Hinzu kommt, dass Menschen ihr Hörgerät oft als Manko und Grund für Ausgrenzung durch Dritte sehen, doch die Studie zeigt auf, dass diese Befürchtungen unbegründet sind.

Hörgeräte sind in der Schweiz besser akzeptiert als in den Vergleichsländern, denn nur 15 Prozent der Hörgeräteträger sagen aus, ab und zu gehänselt zu werden. In Grossbritannien, Deutschland und Frankreich liegt diese Quote bei jeweils 26 Prozent. Problematisch scheinen eher unbehandelte Hörminderungen zu sein. Sprechen in der Schweiz 55 Prozent davon, ab und zu verspottet zu werden, sind es in den anderen Ländern 71 Prozent.

Hörgerät doppelt und dreifach nützlich

Zusätzlich zeigt die Studie, dass Personen mit versorgter Hörminderung sich abends weniger erschöpft fühlen und besser schlafen können als Personen ohne Hörgerät. Das Tragen eines Hörgerätes beeinflusst also weit mehr als nur die reine Behebung der Hörminderung. Über 95% der Hörgeräteträger geben in der Studie an, dass sich das Tragen eines entsprechenden Gerätes sowohl im Privat- als auch im Berufsleben spürbar positiv auswirkt.

Die Auswirkungen im Berufsalltag werden von Hörgeräteträgern und Nichtträger unterschiedlich bewertet. Gemäss der Meinung von Berufstätigen mit Hörgerät schränken Arbeitnehmer mit unbehandelter Hörminderung ihre Arbeitsmarktfähigkeit ein. Und damit die Wahrscheinlichkeit, den gewünschten Job und ein angemessenes Gehalt zu bekommen als auch regelmässig befördert zu werden. Dem stimmen auch Arbeitnehmer mit unbehandelter Hörminderung zu, wenn auch nicht im gleichen Ausmass.

Wird weniger hören ignoriert?

Ist eine Hörminderung erkannt, lassen sich längst nicht alle untersuchen beziehungsweise behandeln. Die Adaptionsrate, d.h. die Anzahl Personen, die ein Hörgerät tragen, variiert in der Schweiz stark nach Altersgruppe: Liessen 54 Prozent der über 65-Jährigen ihren Hörverlust versorgen, sind es in der Altersgruppe 45 bis 64 Jahre noch knapp 25 Prozent und bei den unter 44-Jährigen nur noch rund 18 Prozent. Es stellt sich die Frage, ob weniger hören von vielen einfach akzeptiert wird, denn die Schweizer Bevölkerung scheint sich nur ungern einem Hörtest zu unterziehen.

Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz bei der Betrachtung, welcher Bevölkerungsanteil in den letzten fünf Jahren einen Hörtest gemacht hat, hinter Grossbritannien, Deutschland oder Frankreich. Zum Vergleich: Waren es in der Schweiz 23 Prozent, so gingen in Deutschland 45 Prozent der Bevölkerung in diesem Zeitraum zu einem Hörtest. 44 Prozent der Schweizer geben gar an, noch nie einen Hörtest gemacht zu haben.

Wann ist ein Hörtest sinnvoll? Wenn man:

  • Schwierigkeiten hat, Gesprächen mit mehr als zwei Personen zu folgen
  • Gruppengespräche als anstrengend empfindet
  • Probleme hat, Frauen und Kinder zu verstehen
  • Verständigungsprobleme in lauten Umgebungen hat
  • Stimmen von anderen als gedämpft empfindet
  • permanent ein Klingeln/Piepsen im Ohr hört


Wie kann man die Lautstärke abschätzen?

  • Bis 70 dB(A) Lärmpegel ist eine Unterhaltung in normaler Lautstärke möglich.
  • Bei 90 dB(A) Lärmpegel ist eine Verständigung mit erhobener Stimme möglich.
  • Bei 100 dB(A) Lärmpegel ist eine Verständigung bereits nur mit grösstem Stimmaufwand möglich. Ab 105 dB(A) Lärmpegel ist keine Verständigung mehr möglich.

(Faustregeln – Bei einer Distanz von 1 m zum Gesprächspartner)

 

Artikel von: hsm-schweiz.ch
Artikelbild: racorn – Shutterstock.com

Über Natalia Muler

Ich schreibe, seit ich schreiben kann, und reise, seit ich den Reisepass besitze. Momentan lebe ich im sonnigen Spanien und arbeite in der Modebranche, was auch oft mit Reisen verbunden ist, worüber ich dann gerne auf den Portalen von belmedia.ch berichte. Der christliche Glaube ist das Fundament meines Lebens; harmonisches Familienleben, Kindererziehung, gute Freundschaften und Naturverbundenheit sind meine grössten Prioritäten; Reisen und fremde Kulturen erleben meine Leidenschaft; Backen und Naturkosmetik meine Hobbys und immer 5 Minuten zu spät kommen meine Schwäche.


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